Karl Dürr entdeckt das Gerichtsgefängnis in der Berliner Kantstr. 79

... ein Ort - wo Frauen aus dem Widerstand in der NS-Zeit inhaftiert waren.


1993 erwarb ich das Gestapo Album zur Roten Kapelle „gefasst" und erfuhr hier zum ersten Mal davon, das es in der Kantstraße ein Gefängnis gibt. Doch vom Sehen zum Verstehen und Begreifen ist oft ein langer Weg. Das Album mit den vielen Bildern von Menschen, die gerade von der Gestapo verhaftet wurden, die Fotos der Gefolterten und Geschundenen, all das war so beeindruckend, daß mir erst Jahre später die Informationsquelle bewußt wurde.

 

Seit 2003 bemühe ich mich darum, daß dort eine Gedenktafel angebracht wird. Im Jahre 2009 konnte ich zum ersten Mal den beeindruckenden Klinkerbau aus dem Jahre 1896 besichtigen, der damals für ca. 100 Personen konzipiert wurde.

 

Auf meine Veranlassung beschloss die BVV Charlottenburg dort eine Mahntafel zu errichten und ein virtuelles Museum einzurichten, das die Geschichte der Kantstr. dokumentiert. Die Besichtigung des Gefängnisses war bedeutsam, weil das Gebäude nicht von der Straße sichtbar, also für die Öffentlichkeit nicht bemerkbar und betretbar ist. Doch die Entdeckungsreise hat erst angefangen. Bald war mir klar, daß dieser weitgehend unbekannte Ort, den Nazis als Gefängnis diente, um dort die Frauen aus dem Widerstand einzusperren. Zu Beginn der Nazizeit waren da noch weibliche und männliche Systemgegner inhaftiert worden.


Ab 1939 war es ein reines Frauengefängnis, indem unter anderem die Frauen der Roten Kapelle in den Jahren 1942-43 und später die Frauen der am Hitlerattentat Beteiligten vom 20. Juli 1944 als Sippenhäftlinge eingesperrt wurden. Nicht zuletzt ist das Gerichtsgefängnis Kantstr. 79 ein Ort, wo viele Frauen ihre letzten Nächte verbrachten, bevor sie in Plötzensee getötet wurden oder ins KZ eingeliefert wurden.

 

2010 ist das Gefängnis mit Gerichtsgebäude geräumt worden und vom Liegenschaftsfond Berlin verkauft wurden. Es ist ein Ort wo Frauen eingesperrt waren, weil sie sich gegen Faschismus, Tyrannei und Menschverachtung gewehrt haben. Viele von Ihnen haben dafür mit dem Leben bezahlt. Es wäre mehr als verdienstvoll gerade an diesem Ort - neben der Anbringung einer Gedenktafel auch einen Gedenkraum zur Würdigung des weiblichen Widerstandes einzurichten.


Karl Dürr