Die Nachkriegszeit ... und der Umgang mit dem Widerstand in der NS-Zeit, am Beispiel der Frauen von der Roten Kapelle

Karl Dürr erinnert sich, daß noch Jahrzehnte nach dem Kriege der Widerstand in der NS-Zeit ein Tabu-Thema war. Bestenfalls ein unangenehmes Thema, was man besser mied. Für Widerstandsaktionen, die von Frauen durchgeführt wurden, galt das in verstärktem Maße. Es entsprach auch nicht dem Frauenbild von Unterordnung, Sensibilität und familiärer Verpflichtung, daß eine Frau politisch denkt und handelt. Die weibliche Auflehnung gegen staatliche Autorität wurde unbewusst nicht als berechtigter Widerstand gegen Unrecht und Willkür interpretiert, sondern als Auflehnung gegen männliche Macht und Bevormundung.
Für das Volk der Weggucker galten Widerstandsaktionen gegen das Nazi-Regime als undenkbar, so dass Berichte, Dokumentation und Bücher darüber als Phantasieprodukte abgetan werden konnten.
Die gesellschaftlich-politische Situation der BRD in den 5o./6oer Jahren war geprägt von einem irrationalen Kommunistenhass, so das die Widerstandshandlungen der Roten Kapelle, insbesondere der Frauen, mit Diffamierungen und Verleumdungen kommentiert wurden.
Hinzukam, dass die Führungspositionen in Politik, Bürokratie und Justiz mit alten Nazis besetzt waren, die kein Interesse daran hatten, den Widerstand gegen das damals von Ihnen vertretene Terrorsystem zu würdigen. Das Fatale ist, dass ehemalige Nazis oft als Zeitzeugen befragt wurden und ihre Aussagen selbst vor Gericht als glaubwürdig und objektiv gewertet und nicht hinterfragt wurden.


Das Verhalten des Nazi-Staatsanwaltes Oberkriegsgerichtsrat Manfred Röder ist typisch für diese Zeit. Röder war als Staatsanwalt im Prozeß gegen die Mitglieder der Roten Kapelle maßgeblich für die dort verkündeten Todesurteile verantwortlich. Roeder verstand es - nach dem Kriege- die vernehmenden CIA-Beamten weiszumachen, daß die Rote Kapelle selbst nach 1945 als Kommunistische Spionageorganisation weiterwirke. Seine Aussagen hatten zur Folge, daß die Amerikaner ihre schützende Hand über ihn hielten. Für die Presse wurde er ein viel gefragter Zeitzeuge, dessen Unterstellungen und Verleumdungen sich bis heute halten.
Seine steigende Popularität ermunterte ihn 1951 die neonazistischen SRP (Sozialistische Reichspartei) zu gründen und mit dem Theama „die Rote Kapelle als Landesverräter" in den Wahlkampf zu ziehen. Das veranlasste die überlebenden Rote Kapelle-Mitglieder Greta Kuckhoff, Günther Weisenborn und Adolf Grimme ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einzuleiten. Durch diverse Verschleppungstaktiken zogen sich die Ermittlungen sechs Jahre hin und endeten schließlich mit einer Einstellung.
Roeder lebte fortan als Anwalt in Glashütten/Taunus, wurde von seinen Mitbürgern geschätzt, in den Gemeinderat gewählt und verstarb als vermögender Rentner am 18.8.1971.