Karl Dürr und seine Informationen über das Gerichtsgefängnis Kantstr. 79, wo während der NS-Zeit Frauen aus dem Widerstand inhaftiert waren

Wer sich mit dem Gerichtsgefängnis in der Kantstraße auseinandersetzt, sieht sich mit einer Vielzahl von Themen konfrontiert, die weit über das eigentliche Gerichtsgefängnis und seiner Insassen hinausreichen. Da ist zunächst das Gebäude selber.

  • Welche Funktion hatte es ab 1896
  • und welche Menschen waren dort zu welcher Zeit inhaftiert.

Allein dieser Fragenkomplex ist heute kaum noch zu beantworten, da durch die Kriegs- und Nazizeit die meisten Akten vernichtet wurden.

 

Eine andere, wesentliche Frage ist nach dem Motiv zu fragen, warum wir uns jetzt nach 66 Jahren mit dem Widerstand im Nationalsozialismus beschäftigen, insbesondere mit dem des weibliche Widerstandes. Was wissen wir heute von den damaligen Bedingungen, den Folterungen, den Vernehmungen, dem Gerichtsprozess, den scheinbaren Eingeständnissen den Todesurteilen und wieweit tragen wir dazu bei - in aller Unschuld die alten Gestapolügen und -Verleumdungen zu verbreiten. Fängt es nicht schon bei der so oft zitierten Quelle an, dem Album zur Roten Kapelle mit dem Titel „Erfaßt". Sind es nicht die Aufzeichnungen der Gestapo, die wir benutzen? Die Personen, die damals gegen den Faschismus widerstand leisteten verstanden sich nicht als Rote Kapelle.


Sind wir uns bewußt, dass wir die Erkenntnisse, die Ermittlungsergebnisse, die Urteilsverkündungen, ja - das Vokabular der Gestapo benutzen und damit ungewollt deren Denken übernehmen, eben das Denken, Urteilen und Handeln von Nazis. Vielleicht bedarf es einer neuen Generation von Historikern, die reflektierter und unvoreingenommener die Dokumente und Akten neu liest und interpretiert.


Die heutige Generation hat oft keine Ahnung vom Alltag im Nationalsozialismus, wo ein misslungener Witz, das Abhören des BBC oder die Zweifel am Endsieg mit dem Tode bestraft werden konnten. Wie war das Leben der wenigen Mutigen, inmitten einer großen Mehrheit von schweigenden Wegguckern und von Denunzianten? Widerstand bedeutete damals umgeben zu sein von Mitmenschen, die die blutige Gewalt gegen Andersdenkende hinnahmen. Die Wenigen die sich zum Widerstand entschlossen hatten, wurden damit zu einsamen und isolierten Kämpfern, die mit der alltäglichen Angst vor Folter und Tod lebten, mit der Furcht sich selbst zu verraten oder von anderen verraten zu werden.


Was immer auch über das Gerichtsgefängnis in der Berliner Kanstr. 79 aus der Hitlerzeit zu berichten ist, der hier angedeutete gefahrvolle Alltag im damaligen Nazi-Deutschland ist dabei immer mit zu bedenken.